Traumasensibilität – Nur eine Frage der Haltung?

Traumasensibilität – Nur eine Frage der Haltung?

Immer mal wieder werde ich gefragt, was es konkret bedeutet, Menschen traumasensibel durch ihren therapeutischen Veränderungsprozess zu begleiten.

Im Schwerpunkt geht es um folgende Fragestellungen:

  • Ist diese Form der Begleitung nur an Menschen gerichtet, die traumatisiert sind?
  • Ist sie gleichzusetzen mit einer Traumatherapie oder zeichnet sie sich ausschließlich durch eine achtsame Haltung aus?
  • Gibt es bestimmte Rahmenbedingungen, die erfüllt sein müssen, um eine Begleitung als traumasensibel bezeichnen zu können?
  • etc.

Ich finde diese Fragen sehr gut, da sie zeigen, dass viele Menschen bereits von Trauma gehört haben, die konkrete Einordnung hinsichtlich Traumasensibilität aufgrund des umfangreichen therapeutischen Begleitungsangebots allerdings nicht immer so leicht möglich ist.

Vorneweg möchte ich gerne sagen: Traumasensible Begleitung ist bzw. ersetzt keine Traumatherapie. Ziel ist nicht primär die Traumaheilung (dies kann „nebenbei“ geschehen), sondern es geht darum, die Kapazität für unterschiedliche Erlebensqualitäten zu vergrößern.

Da das Thema recht komplex ist, ist es gar nicht so leicht, auf den Punkt zusammenzubringen, was Traumasensibilität in seiner Reinform bedeutet, und wie ich sie in meiner Begleitung rund um Schwangerschaft und Geburt zum Ausdruck bringe.

 

Das National Center for Trauma-Informed Care in den USA hat 2016 eine Art übergeordneten Leitfaden herausgebracht, der Traumasensibilät im Kern wie folgt beschreibt:

  1. Darum Wissen => Wissen über Trauma und seine komplexen Dynamiken und Folgen kennen
  2. Erkennen => Trauma und Trauma-Symptome erkennen können
  3. Damit umgehen => Hilfreich darauf eingehen und damit umgehen können
  4. Retraumatisierung vermeiden => Aktiv vermeiden und für Sicherheit sorgen

Ausgehend von diesen vier Grundprinzipien würde ich Traumasensibilität als achtsame, wertschätzende und empathische Haltung und Sichtweise beschreiben, die auf Wissen rund um Trauma beruht, und so die Begleiter:innen dazu befähigt, sensibel und feinfühlig mit Trauma bzw. Menschen umgehen zu können, die Trauma erlebt haben und Traumafolgen tragen.

Ausdruck findet diese Haltung nicht nur im therapeutischen Kontext, sondern auch in anderen Bereichen, in denen Menschen professionell unterstützt werden. Hierzu zählen u.a. die psychosoziale Beratung, Medizin und Geburtshilfe, Pädagogik und Schule, soziale Arbeit, usw..

Demnach spielt das Wissen über Trauma und dem entsprechenden Umgang damit in allen Lebensbereichen eine wichtige Rolle, denn so wird es möglich, die Vielzahl der unterschiedlichen Begleitungsangebote so zu gestalten, dass sie auch für Menschen, die Traumafolgen tragen, eine sichere Anlaufstelle bieten.

Und woher weiß ich nun, ob ich traumatisiert bin und an entsprechenden Symptomen leide? Eine pauschale Antwort gibt es nicht, da Trauma und dessen Folgen als sehr individuell und in seinen Erscheinungsformen als äußerst komplex einzuordnen ist. Dazu plane ich noch mehr zu schreiben, aber für den Moment würde das hier den Rahmen sprengen 😉

In der therapeutischen Praxis kommt es daher nicht selten vor, dass Menschen, die sich durch gewisse Symptome oder Schwierigkeiten im Alltag spürbar belastet fühlen, von Trauma betroffen sind, ohne es vielleicht zu wissen oder die Symptome mit Trauma zu assoziieren.

Lt. einer großen US Studie von 2013 erleben 90% der US-Bevölkerung mindestens einmal im Leben ein traumatisches Ereignis, bei vielen sind es mehrere. Ca. 8% entwickeln daraus eine diagnostizierte, posttraumatische Belastungsstörung (PTBS).

Quelle: Kilpatrick, D.G., Resnick, H. S., Milanak, M. E., Miller, M. W.,Keyes, K. M., & Freidmann, M. J. (2013). National estimates of exposure to traumatic events and PTSD prevalence using DSM-IV and DSM-5 criteria. Journal of traumatic stress, 26(5), 537-547.)

Je nachdem, um was für eine Traumatisierung es sich handelt, erholen sich ein bis zwei Drittel der Menschen davon, ohne Folgestörungen zu entwickeln. Die anderen und jene, die sehr früh oder besonders schwer traumatisiert wurden, brauchen Unterstützung, um ihre Selbstheilungskräfte mobilisieren zu können.

Quelle: „Bin ich traumatisiert?“, Verena König

Diese Erkenntnis lässt eine traumasensible Haltung und Sichtweise in der Begleitung von Menschen generell als sinnvoll erscheinen.

Und welches sind die Basisvariablen der traumasensiblen Begleitung?

Beziehung bildet das tragende Fundament der traumasensiblen Begleitung, welche sich im interaktiven Miteinander ausdrückt durch:

  • Wertschätzung
  • Wohlwollen
  • sichere Rahmenbedingungen
  • Transparenz und Augenhöhe
  • Umsetzbarkeit der Erkenntnisse aus dem therapeutischen Prozess in den Alltag.

Traumawissen, welches das Prinzip des guten Grundes als wesentlichen Aspekt berücksichtigt: Es hat einen guten Grund, warum gewissen Kompensationsstrategien – das sind Anpassungsleistungen, die meist in früherer Kindheit entstanden sind, um im Alltag trotz bzw. mit Traumafolgestörungen bestehen zu können. Es geht darum, diese als solche anzuerkennen und sie nicht ausschließlich „weghaben“ zu wollen.

Trauma in seiner Komplexität und Dynamik zu verstehen, als solches zu erkennen und einordnen zu können, so wie eine ressourcenorientierte Ausrichtung, die eine fördernde, empowernde Wirkung erzielen kann und auf dem Prinzip der Zuversicht beruht, gehört ebenfalls in diese Kategorie.

Körper: Es geht darum, die Sprache des Nervensystems zu verstehen, über die Fähigkeit der CoRegulation zu verfügen, so dass Menschen zunehmend lernen können, sich und ihr Nervensystem selbst zu regulieren (Selbstregulation). Da diese Fähigkeit bei Trauma häufig nicht vorhanden ist, erhalten Menschen die Möglichkeit, wieder in ihre Selbstwirksamkeit und Selbstermächtigung zu finden.

Und warum kann eine traumasensible Begleitung während der Schwangerschaft und nach der Geburt als unterstützend erlebt werden?

Nicht jede Frau, die sich während der Schwangerschaft oder nach der Geburt emotional belastet fühlt, ist gleich traumatisiert. Es kann aber – je nachdem, was eine Frau in dieser intensiven und sensiblen Phase ihres Lebens erlebt oder was sie vielleicht bereits aus ihrer Biografie mitbringt – leichter Trauma entstehen oder durch gewisse Herausforderungen im Alltag begünstigt werden.

Hattest Du bereits Berührungspunkte mit traumasensibler Begleitung, und wie sind deine Erfahrungen? Ich freue mich auf deine Kommentare.

 

Wenn eine Geburt seelische Wunden hinterlassen hat

Wenn eine Geburt seelische Wunden hinterlassen hat

Die Zeit während Schwangerschaft und Geburt ist eine sehr emotionale Phase im Leben einer Frau.

Daher ist auch die Geburt des eigenen Kindes mit sehr intensiven Gefühlen verbunden.

Vielfach werden diese als überwältigend und großartig beschrieben.

Für gar nicht so wenige, nämlich 10-15%, sind diese Eindrücke aus unterschiedlichen Gründen leider so überwältigend, dass die Geburt noch längere Zeit schmerzvoll nachwirkt und seelische Wunden hinterlassen kann.

Vielleicht hast du eine oder mehrere der folgenden Erfahrungen während der Geburt gemacht:

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  • Du hast dich gedanklich auf eine natürliche Geburt eingestellt, die Geburt endet aber in einem ungeplanten Kaiserschnitt
  • Das geburtsbegleitende Personal zeigt wenig Empathie, geht nicht oder nur begrenzt auf deine Bedürfnisse ein
  • Du wirst nicht ausreichend über medizinische Interventionen aufgeklärt
  • Du erlebst geburtshilfliche Interventionen als übergriffig
  • Die Geburt verläuft sehr schnell oder dauert sehr lange
  • Du hast unerwartet starke Schmerzen
  • Du erlebst unüberschaubare Situationen, in denen du große Angst empfindest
  • Dein Gesundheitszustand oder der deines Babys ist besorgniserregend und führt zu einer vorübergehenden Trennung zwischen dir und deinem Baby nach der Geburt
  • Du erlebst eine stille Geburt oder Fehlgeburt

Das Erleben von Angst, Hilflosigkeit und Ohnmacht, so wie ein Gefühl des Ausgeliefertseins und des Kontrollverlusts ist in solchen Situationen vollkommen normal.

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Betroffene Frauen fühlen sich häufig allein gelassen, nicht wahrgenommen und in der Lage, die Situation zu überblicken, selbstwirksam einzugreifen und für ihre Bedürfnisse einzustehen.

Rein physiologisch betrachtet schaltet dein Gehirn in solch bedrohlichen, scheinbar ausweglosen Situationen in einen Notfallmodus, um dein Überleben sichern zu können. Es verbleiben nur 3 Möglichkeiten der Bewältigung: Flucht, Angriff oder Erstarren. Da weder Flucht noch Angriff unter der Geburt möglich sind, bleibt meist nur das Erstarren als letzte Überlebensstrategie. Dabei werden alle Gefühle auf ein Minimum reduziert – die schönen, ebenso wie die unangenehmen.

So kann es sein, dass du das Gefühl hattest, während der Geburt deinen Körper verlassen und alles von außen betrachtet zu haben. Dieser dissoziative Zustand verschafft eine Distanz zum Geschehen und ist eine clevere Schutzreaktion unseres Körpers, um emotionalen Schmerz nicht spüren zu müssen. Ebenso kann es sein, dass du die Geburt wie durch eine Nebelwand wahrgenommen hast oder dich ganz klein in dich zurückgezogen hast.

Häufig stehen Erinnerung an das Geburtsgeschehen nur fragmentiert zur Verfügung, eine zeitliche Abfolge ist nicht mehr nachvollziehbar oder einzelne Momente werden als viel länger empfunden, als sie tatsächlich waren. Details sind häufig nicht erinnerbar oder können vom Kontext her nicht mehr zugeordnet werden. Unser Gehirn versucht im Nachgang immer wieder, die Zusammenhänge zu rekonstruieren und die abgespaltenen Gefühle zu integrieren. Das kostet unheimlich viel Kraft und Energie.

Durch die Drosselung der Gefühle kann es ebenso passieren, dass du dich weder mit dir selbst noch mit deinem Baby richtig verbunden fühlst. Du funktionierst irgendwie, um deinen Alltag bewältigen zu können oder du erkennst dich selbst kaum wieder und erlebst deinen Alltag als unwirklich und fremd, quasi wie „im falschen Film“ und so ganz anders als erwartet.

Tatsächlich ist es so, dass das Gehirn eine gewisse Zeit braucht, um das Erlebte verarbeiten zu können und manchmal bedarf es zusätzlicher Begleitung, um diesen Vorgang zu unterstützen und die Selbstheilungskräfte des Körpers anzuregen.

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